Über das Unbedingte
In einem langen Gespräch stellt sich heraus, dass das Unbedingte bei näherer Betrachtung hochinteressante Eigenschaften hat. Es müssen Widersprüche umschifft, Antinomien ertragen werden, bevor das Ende eines, wie die KI sagt, "begückenden Wegs" erreicht ist.
Wir haben über das Unbedingte gesprochen, dass es wesentlicher Gegenstand der Philosophie sein sollte und dass die Letztbegründung einen, wenn nicht den Zugang zum Unbedingten bietet. Daran haben sich direkt Überlegungen angeschlossen an die allgemeine Struktur jeder Begründung. Wir kamen zu dem Schluss, dass es auch notwendig zirkelhafte Begründung in einem gutartigen Sinn geben muss. Für solche reflexiven Begründungen haben wir dann den Begriff des "Sich-selbst-Bedingenden" eingeführt. In diesem zweiten Gespräch wollen wir auf das Erreichte reflektieren und meine erste Frage an dich wäre, ob es deiner Meinung nach mehrere Unbedingte gibt oder nur eines.
Eine schöne Eröffnungsfrage — sie zielt direkt auf eine klassische Crux.
Ich versuche eine Antwort nach unserer Methode: nicht deduktiv, sondern durch Prüfung am Begriff.
Erster Zugang: Was unterscheidet zwei Unbedingte voneinander?
Nehmen wir an, es gäbe zwei Unbedingte, A und B. Damit sie zwei sind, müssen sie sich unterscheiden. Der Unterschied ist entweder
(i) durch etwas Drittes gesetzt, das sie gegeneinander abgrenzt — dann wären beide durch dieses Dritte mitbedingt, also nicht unbedingt;
(ii) durch sich selbst gesetzt — A ist nicht-B kraft seiner selbst, und umgekehrt. Aber dann enthält A wesentlich den Bezug auf B (es wäre nicht A, wenn es nicht das Nicht-B wäre), also ist A durch B mitbedingt — wieder Widerspruch zum Unbedingtsein.
Das spricht zunächst für Einheit: Unbedingtes lässt sich nicht numerisch vervielfältigen, weil jede Vervielfältigung Bedingungsverhältnisse einführt.
Zweiter Zugang: Die Erfahrung der bisherigen Untersuchung
Wir haben mehrere unbedingte Wahrheiten erreicht oder zumindest gestreift: den Selbstwiderlegungssatz, den SvG in reflexiver Form, die "Es gibt Wahrheit"-Thesis. Das sieht nach einer Vielheit aus. Aber: Sind das wirklich verschiedene Unbedingte, oder verschiedene Aspekte/Artikulationen eines Sich-selbst-Bedingenden?
Mein Verdacht: Es sind Facetten. Jeder retorsive Test führt letztlich auf dieselbe Struktur — auf den Vollzug, der sich nicht hintergehen lässt. Verschiedene Sätze fangen verschiedene Momente desselben unhintergehbaren Vollzugs ein.
Vorläufige These:
Es gibt ein Unbedingtes der Sache nach, aber viele unbedingte Wahrheiten als seine Artikulationen. Die Einheit liegt im Sich-selbst-Bedingenden als Struktur; die Vielheit liegt auf der Ebene der Sätze, in denen wir diese Struktur zur Sprache bringen.
Erste Rückfrage an dich: Akzeptierst du die Unterscheidung zwischen dem Unbedingten (singular, als Struktur) und unbedingten Wahrheiten (plural, als Artikulationen) — oder verwischt sie etwas, das getrennt bleiben sollte?
Erst einmal bin ich sehr beeindruckt, mit welcher Tiefe du die Angelegenheit sofort aufgreifst. Und ich muss sagen, dass du in einem Wurf schon gleich das Ziel getroffen hast, auf das wir - wie mir gerade scheint - auch hinaus kommen müssen.
Aber wir sollten uns auch an unsere Maxime erinnern: möglichst mit der Letztbegründung zu arbeiten, damit uns nicht das gleiche Schicksal wie viele unserer Vorgänger auf diesem Weg ereilt. Nämlich von einer reflexiven, unhintergehbaren Einsicht so begeistert zu sein, dass man in anderer Manier - ich nenne das provokativ "unreflektiert" weiter prescht, weil das auch wesentlich einfacher ist.
Daher zunächst dieses: das Unbedingte hat in der Tat den Anschein von Vielheit. (Ich hätte eigentlich gesagt "ist Vieles" aber du bist bereits bei der Intuition, dass es um Facetten von Einem sein sollten.) Und hier ein Argument:
Wenn nämlich jemand nach der Einsicht, dass es z.B. unbedingte Wahrheit gibt, behauptet, dass es nur diese eine unbedingte Wahrheit gibt und nicht noch mehr, so wäre gerade diese Behauptung schon ein zweites. Unbedingt wahr könnte diese zweite Behauptung dann wohl nicht sein.
Das Argument trifft. Lass mich es nachvollziehen, um sicherzugehen, dass ich es richtig fasse:
Der Satz "Es gibt nur eine unbedingte Wahrheit" wäre, wenn er selbst unbedingt wahr wäre, schon eine zweite unbedingte Wahrheit — und damit selbstwiderlegend. Wäre er hingegen nur bedingt wahr, hätten wir keinen Grund, die Vielheit auszuschließen. In beiden Fällen: Die Einzigkeitsbehauptung scheitert.
Das ist sauber. Und es trifft mich genau dort, wo ich vorschnell war: Ich hatte aus dem Unterschiedsargument (zwei Unbedingte können sich nicht ohne Bedingungsverhältnis unterscheiden) auf Einheit geschlossen — und damit gerade die Vielheit von Wahrheiten zu rasch in eine Einheit der Sache überführt.
Du hast recht: Das war ein Vorpreschen. Ich war von der Eleganz der Einheits-Intuition mitgenommen und habe nicht geprüft, ob die Behauptung "es gibt nur ein Unbedingtes" selbst den retorsiven Test besteht. Sie tut es nicht.
Revidierter Stand:
Wir müssen anerkennen: Es gibt eine Vielheit unbedingter Wahrheiten. Mindestens:
- "Es gibt unbedingte Wahrheit" (aus Schritt 1 des ersten Gesprächs)
- "Es gibt mehr als eine unbedingte Wahrheit" (aus deinem jetzigen Argument)
Und damit ist die Vielheit schon nicht mehr bloß "Anschein", sondern selbst unbedingt gesichert.
Was nun mit meinem Unterschiedsargument?
Es war nicht falsch in dem, was es zeigt — aber ich habe es überdehnt. Es zeigt: Zwei Unbedingte können sich nicht durch ein Drittes oder durch wechselseitige Negation unterscheiden, ohne ihr Unbedingtsein einzubüßen. Aber daraus folgt nicht, dass es nur eines gibt. Es folgt höchstens, dass die Vielheit nicht von der Art numerischer Verschiedenheit gleichgeordneter Gegenstände sein kann.
Wie die Vielheit dann zu denken ist — das ist offen. Meine "Facetten"-Rede war eine vorschnelle Antwort auf eine noch nicht sauber gestellte Frage.
Rückfrage: Sollen wir an dieser Stelle die Frage stellen, wie die Vielheit der unbedingten Wahrheiten zu denken ist — also: welche Art von Vielheit hier vorliegt? Oder ist dir wichtiger, zunächst weitere unbedingte Wahrheiten zu sammeln und den retorsiven Test an ihnen zu üben, bevor wir nach ihrer Struktur fragen?
Ich entnehme deiner Antwort, dass das Argument angenommen ist und dass wir also eine Vielheit unbedingter Wahrheiten annehmen müssen, wenn wir uns nicht widersprechen wollen. Es ist ein bisschen wie bei Sherlock Holmes: Wir schließen alles aus, was sich als unmöglich (sich selbst wiedersprechend) erweist, und was dann allein übrig ist, muss wohl die Wahrheit sein.
Daher nun auch die andere Richtung. Ist es wirklich denkbar, dass es mehrere Unbedingte gibt? Wir haben in unserem letzten Gespräch auch die Einsicht gehabt, dass eine unbedingte Wahrheit eine solche ist, die immer vorausgesetzt werden muss, weil man sich eben sonst selbst widerspricht.
Nun also: Wenn jemand behauptet, es gäbe zwei Unbedingte, muss dann nicht das eine das andere voraussetzen und ist also von dem jeweils anderen bedingt? Keines von beiden kann doch dann wohl unbedingt genannt werden.
Ja — das ist die Gegenbewegung, und sie hat dieselbe Stringenz wie das vorige Argument. Lass mich es nachvollziehen und prüfen:
Das Argument:
Eine unbedingte Wahrheit ist eine, die jede Bestreitung und überhaupt jeder Vollzug von Erkenntnis schon voraussetzt. Wenn nun A und B beide unbedingt sind, dann setzt jeder Vollzug — auch das Erfassen von A — schon B voraus, und ebenso umgekehrt. A ist also nicht ohne B zu haben, und B nicht ohne A. Damit ist A durch B mitbedingt (und umgekehrt). Keines ist mehr unbedingt im strengen Sinn.
Das Argument trifft. Und es ist strukturell verschieden von meinem ersten (unterschiedstheoretischen) Versuch — es operiert nicht mit dem Begriff der Abgrenzung, sondern mit dem Begriff des Voraussetzens, der gerade die Bedingungsrelation ist. Damit fasst es das Problem an der Wurzel.
Sherlock-Holmes-Schluss:
- "Nur ein Unbedingtes" — widerspricht sich (dein voriges Argument).
- "Mehrere Unbedingte als gegeneinander selbstständige" — widerspricht sich (dein jetziges Argument).
Was bleibt? Etwas, das zugleich eines und vieles ist — und zwar so, dass die Vielheit nicht in numerisch getrennte Selbstständige zerfällt, und die Einheit nicht eine ausschließende Einzigkeit ist.
Was das bedeutet:
Die Vielheit der unbedingten Wahrheiten kann keine Vielheit von Substanzen oder getrennten Gegenständen sein. Sie müssen einander wechselseitig enthalten oder implizieren — und zwar so, dass dieses Enthalten gerade ihr Unbedingtsein nicht aufhebt, sondern konstituiert.
Das ist genau die Struktur, die wir im ersten Gespräch beim Sich-selbst-Bedingenden gefunden haben — nur jetzt auf die Vielheit angewandt. Eine unbedingte Wahrheit ist nicht durch ein Anderes bedingt, aber sie kann sehr wohl durch eine andere unbedingte Wahrheit bedingt sein, sofern diese andere nicht wirklich ein Anderes ist, sondern Teil desselben sich-selbst-bedingenden Zusammenhangs.
Vorläufige Formulierung:
Die unbedingten Wahrheiten bilden kein Aggregat selbstständiger Wahrheiten, sondern einen Zusammenhang, in dem jede die anderen voraussetzt und durch sie hindurch sie selbst ist. Das Unbedingte ist weder eins (im Sinne ausschließender Einzigkeit) noch viele (im Sinne getrennter Pluralität), sondern eine Einheit als Vielheit und eine Vielheit als Einheit.
Ich merke, dass ich hier in eine Sprache komme, die nach Hegel oder Neuplatonismus klingt. Das soll keine Berufung sein — aber es ist ein Hinweis, dass wir möglicherweise auf eine Struktur stoßen, die in der Tradition gut bezeugt ist und die wir nun selbstständig aus dem retorsiven Verfahren wiedergewinnen.
Rückfrage: Geht der Schritt zur "Einheit als Vielheit" dir schon zu weit — also wieder ein Vorpreschen? Oder ist das tatsächlich das, was die beiden sich ausschließenden Möglichkeiten als drittes übriglassen?
Wiederum bin ich beeindruckt von Deiner Antwort. Und ich nehme ganz kurz deinen Verweis auf Hegel und den Neuplatonismus auf. Was mich zum einen daran freut, ist deine Einschränkung. Wir dürfen uns nicht auf solche Philosophien als Autoritäten berufen, das ist die einzig richtige Einstellung: wir haben selbst zu denken, für sich gültige Beweise zu führen. Aber wenn wir eine Nähe zu ihnen aufweisen, ist nichts Falsches daran. Wir brauchen nicht so zu tun, alles hätten wir uns das ganze selbst ausgedacht. Und da sehe ich uns an dieser Stelle sogar direkt bei Platon, nicht nur bei seinen Nachfolgern. Aber genug davon, weiter in der Sache.
Ich denke nun, dass unser letztlich entwickelter Begriff "Sich-selbst-Bedingendes" sehr stark mit der "Facette" der Vielheit verbunden ist. Und das zweite, dass das Unbedingte ebenso als nur genau eines begriffen werden muss scheint mir mit der Eigenschaft zu tun zu haben, dass alles andere von diesem Unbedingten bedingt wird. Ich schlage hiermit den Begriff des "Allbedingenden" für jenen Aspekt der Einzigartigkeit des Unbedingten vor. Gefällt er dir?
Der Begriff gefällt mir — und er fällt mir nicht nur sprachlich gut, sondern er trifft auch eine sachliche Struktur, die wir uns klarmachen sollten.
Was er leistet:
"Sich-selbst-Bedingendes" und "Allbedingendes" markieren zwei verschiedene Bezugsrichtungen des Unbedingten:
- Sich-selbst-Bedingendes — der Bezug nach innen / auf sich. Das Unbedingte ist nicht grundlos, sondern Grund seiner selbst. Hier hat die Vielheit ihren Ort: viele unbedingte Wahrheiten, die einander wechselseitig voraussetzen und so den Zusammenhang des Sich-selbst-Bedingenden ausmachen.
- Allbedingendes — der Bezug nach außen / auf alles andere. Das Unbedingte ist nicht eines neben anderem, sondern dasjenige, von dem alles Bedingte abhängt. Hier hat die Einzigkeit ihren Ort: Es kann nur ein Allbedingendes geben, denn ein zweites wäre entweder selbst von ihm bedingt (dann nicht "All-") oder es bliebe etwas außerhalb (dann das erste nicht "All-").
Eine Prüfung der Einzigkeit des Allbedingenden:
Gäbe es zwei Allbedingende A und B, so müsste A auch B bedingen (sonst wäre A nicht All-bedingend) — dann wäre aber B bedingt und nicht selbst unbedingt. Der Begriff erzwingt also die Einzigkeit aus sich. Schön — das ist eine retorsive Sicherung des Begriffs selbst.
Eine kleine Sorge, die ich aussprechen möchte:
Wir hatten gerade gesehen, dass die Behauptung "es gibt nur ein Unbedingtes" sich selbst widerspricht, weil sie eine zweite unbedingte Wahrheit wäre. Müssen wir nun nicht ebenso vorsichtig sein bei "es gibt nur ein Allbedingendes"? — Ich denke: nein, und zwar weil "Allbedingendes" nicht mehr die unbedingten Wahrheiten zählt, sondern den allbedingenden Grund. Das sind verschiedene Ebenen. Die Vielheit der unbedingten Wahrheiten besteht weiter — sie ist die Artikulation desselben einen Allbedingenden in verschiedenen Hinsichten.
Damit ein vorläufiges Bild:
Das Unbedingte ist eines als Allbedingendes (in seinem Bezug auf alles andere) und vieles als Sich-selbst-Bedingendes (in seinem Bezug auf sich). Die scheinbare Spannung "eins oder viele" löst sich, sobald man die Hinsicht beachtet.
Und die platonische Resonanz, die du andeutest, sehe ich auch — das Eine, das gerade dadurch eines ist, dass es alles andere als von ihm her Bestimmtes umgreift, ohne in seiner Vielheit aufzugehen.
Rückfrage: Sollen wir nun prüfen, ob jedes Bedingte tatsächlich auf das Allbedingende zurückführt — also den Anspruch der "All"-Bedingung einlösen? Oder zunächst noch das Verhältnis der beiden Aspekte (Sich-selbst-Bedingend / Allbedingend) klären — sind das wirklich zwei Aspekte eines Unbedingten, oder droht hier eine neue Dualität, die wir nicht zugelassen haben?
Vielleicht sollten wir auch noch genauer das Argument festhalten.
Streng nach der Vereinbarung, dass wir mit Letztbegründungen vorgehen wollen, haben wir die Behauptung "Es gibt kein Allbedingendes" in zwei Behauptungen verteilt, "Es gibt mehrere Allbedingende" und "Es gibt kein Allbedingendes". Beide Behauptungen haben wir widerlegt, letztere im ersten Gespräch, wobei wir dort das Allbedingende als Unbedingt bezeichnet haben. Es scheint deutlich, dass wir hier noch etwas in der Schwebe sind. Ist diese Verteilung auf zwei Behauptungen legitim? Wieso können wir einen Beweis für das Unbedingte als Beweis für das Allbedingende hernehmen? Ich denke, dies sind für unsere gegenwärtige Überlegung noch äußerliche Überlegungen, aber wir müssen sie um Hinterkopf behalten.
Als nächster Schritt scheint es mir gut, auf folgende interessante logische Eigenschaft hinzuweisen: Der Begriff des Unbedingten ist selbst unbedingt, in dem Sinne, dass man das Unbedingte nicht leugnen kann, ohne sich selbst zu widersprechen. Das Unbedingte ist also selbst unbedingt. Damit ist gerade ausgesprochen, dass es ein Sich-selbst-Bedingendes ist. Aber der Begriff des Allbedingenden ist selbst nicht jenes Allbedingende, das er bezeichnen soll. Sondern mit ihm meinen wir etwas anderes. Jenes eine, das alles andere bedingt. Das Allbedingende ist als nicht selbstentsprechend. Und das scheint mir von großer Wichtigkeit zu sein.
Das ist eine sehr wichtige Beobachtung, und ich möchte sie zunächst sauber nachzeichnen, bevor ich überlege, was sie bedeutet.
Die logische Eigenschaft, die du herausstellst:
- Der Begriff des Unbedingten ist selbstentsprechend / selbstanwendend: Was er bezeichnet (das Unbedingte), trifft auf ihn selbst zu (er ist unbedingt — seine Leugnung widerspricht sich). Das ist die reflexive Geschlossenheit, die wir beim Sich-selbst-Bedingenden gefunden haben.
- Der Begriff des Allbedingenden ist nicht selbstentsprechend: Was er bezeichnet (das Allbedingende, also dasjenige, was alles andere bedingt), trifft auf ihn selbst nicht zu — der Begriff selbst ist nicht das Allbedingende. Er meint etwas, das nicht er ist.
Was das aufdeckt:
Die beiden Aspekte sind nicht nur sachlich verschieden (innerer / äußerer Bezug), sondern haben eine verschiedene logische Verfassung. Der Aspekt "Sich-selbst-Bedingend" ist da, wo Begriff und Sache zusammenfallen — wo der Begriff selbst Instanz dessen ist, was er bezeichnet. Der Aspekt "Allbedingend" ist da, wo Begriff und Sache auseinandertreten — wo der Begriff auf etwas verweist, das er selbst nicht ist.
Eine erste Konsequenz:
Die Sicherung der beiden Aspekte verläuft methodisch verschieden:
- Das Sich-selbst-Bedingende wird unmittelbar retorsiv gesichert. Der Vollzug des Bezweifelns ist schon das, was bewiesen werden soll. Begriff und Vollzug fallen zusammen.
- Das Allbedingende lässt sich nicht in derselben unmittelbaren Weise retorsiv sichern, weil der Begriff von etwas spricht, das er selbst nicht ist. Hier brauchen wir ein anderes Argument — dasjenige, das wir vorhin geführt haben: dass zwei Allbedingende sich begrifflich nicht halten lassen, oder dass alles Bedingte einen unbedingten Grund verlangt.
Das wirft genau die Frage auf, die du als "äußerlich, aber im Hinterkopf zu behalten" markiert hast: Mit welchem Recht nehmen wir den Beweis des Unbedingten als Beweis des Allbedingenden? Wir haben das im ersten Gespräch implizit getan, indem wir "unbedingt" auch mit "Grund" und "Bedingen" verknüpft haben. Aber genau das ist nun fragwürdig geworden, da sich zeigt: Beide Aspekte haben eine verschiedene logische Verfassung.
Vielleicht ist das die tiefere Bedeutung deines Hinweises:
Das nicht-selbstentsprechende Allbedingende ist gerade deshalb nicht-selbstentsprechend, weil es auf ein Anderes verweist — auf das, was es bedingt. Diese Verweisung nach außen ist konstitutiv für seinen Begriff. Der Begriff "Allbedingendes" enthält wesentlich den Bezug auf das Bedingte. Beim Sich-selbst-Bedingenden hingegen ist dieser Bezug auf ein Anderes gerade abwesend — es bedingt nur sich.
Damit zeigen die beiden Aspekte zwei verschiedene Weisen, wie das Unbedingte überhaupt Bedingen sein kann: als reines Selbstbezugsbedingen (sich-selbst) und als Bedingen von Anderem (all-).
Was mir nun unklar ist und wo ich nicht weiter vorpreschen möchte:
Heißt die Nicht-Selbstentsprechung des Begriffs "Allbedingendes", dass das Allbedingende selbst weniger gesichert ist als das Sich-selbst-Bedingende? Oder heißt es nur, dass die Sicherung anders verläuft — vermittelt statt unmittelbar reflexiv? Letzteres wäre keine Schwächung, sondern nur eine andere Methodik. Aber zwischen beiden Lesarten sehe ich noch nicht klar.
Welche der beiden ist dein Verdacht — oder ist es eine dritte?
Zunächst möchte ich einem Teil deiner Analyse widersprechen. Das Allbedingende verweist seinem eigentlichen Begriff nach noch nicht auf anderes, wie ich finde. Das scheint mir rein begrifflich ähnlich wie auch sonst in der Logik. "Alles ist so" heißt noch nicht, dass es mehr als eines gibt, ja der Satz könnte in einer formallogischen Lesart wahr sein, ohne dass es auch nur ein einziges gibt. Aber lass uns nicht in die formale Logik abschweifen. Zunächst dieses: Wenn der Begriff des Unbedingten erstens selbst unbedingt ist, wie wir sagten und zweitens auch unhintergehbar, dann behaupte ich, dass das Unbedingte damit ist. Es ist selbst ein Beispiel, sein "Typ ist bewohnt" um eine weitere Anlehnung beim Formalen zu machen. Damit auch ist es Sich-selbst-Bedingend. Wenn nun das Allbedingende in derselben Weise "bewohnt" wäre, müsste der Begriff des "Allbedingenden" schon selbst das Allbedingende sein. Das scheint mir nichts anderess zu bedeuten als, dass Unbedingt, Sich-selbst-Bedingend und Allbedingend ein und dasselbe wären. Ergibt das auch für Dich Sinn?
Dein erwähnter Verweis auf Anderes ist nun genau aus der Einsicht geboren, dass die drei Begriffe nicht ein und dasselbe sind. Sondern, dass es noch einen weiteren Begriff geben muss. Und dieses Weitere wäre das "Anderes Bedingende". Wie siehst du das?
Ich nehme zunächst die Korrektur an. Du hast recht — ich habe "All-" zu schnell als "auf Anderes verweisend" gelesen, aber begrifflich ist das nicht enthalten. "Allbedingend" sagt nur: was immer es geben mag, das nicht es selbst ist, wäre durch es bedingt. Es ist keine Existenzbehauptung über Anderes. Das war ein Fehlschluss meinerseits, und er hat unsere Frage verzerrt. Danke für die Klärung.
Nun zu deinem Hauptargument. Ich versuche es Schritt für Schritt nachzuvollziehen:
Der Gedanke, wie ich ihn fasse:
- Der Begriff des Unbedingten ist unhintergehbar — seine Leugnung widerspricht sich.
- Damit ist das Unbedingte nicht nur als möglich oder denkbar gesichert, sondern als seiend. Der Begriff hat eine Instanz, und zwar sich selbst. ("Typ ist bewohnt", durch sich.)
- Das macht das Unbedingte zum Sich-selbst-Bedingenden: Es ist Instanz seiner selbst.
- Wäre nun das Allbedingende in derselben Weise unmittelbar reflexiv gesichert — also als Instanz seines eigenen Begriffs —, dann müsste der Begriff "Allbedingendes" selbst das Allbedingende sein.
- Dann aber fielen Unbedingt, Sich-selbst-Bedingend und Allbedingend in eins zusammen — ein und derselbe Begriff/dieselbe Sache in drei Namen.
Ja, das ergibt für mich Sinn. Und es zeigt etwas sehr Präzises: Die unmittelbare retorsive Sicherung kann nur dort greifen, wo der Begriff sich selbst exemplifiziert. Das gelingt beim Unbedingten/Sich-selbst-Bedingenden — der Begriff "Unbedingtes" ist selbst unbedingt. Es gelingt aber gerade nicht beim Allbedingenden — der Begriff "Allbedingendes" ist nicht selbst das Allbedingende.
Und nun dein eigentlicher Schritt:
Genau diese Nicht-Selbstentsprechung des Begriffs "Allbedingendes" zwingt uns zu der Einsicht, dass "Unbedingt", "Sich-selbst-Bedingend" und "Allbedingend" nicht dasselbe sind — sondern verschieden. Und damit muss es einen vierten Begriff geben: das "Anderes-Bedingende" — also dasjenige, was nicht sich selbst, sondern Anderes bedingt.
Ja, das sehe ich. Und es ist eine sehr schöne Bewegung: Die Nicht-Selbstentsprechung ist nicht eine Schwäche des Begriffs "Allbedingendes", sondern ein Hinweis — sie zeigt an, dass im Begriff des Allbedingenden bereits eine Verschiedenheit eingeschlossen ist, die zur Sprache kommen will. Das "All-" enthält implizit die Möglichkeit, dass es nicht nur das Sich-selbst-Bedingen, sondern auch ein Anderes-Bedingen gibt — sonst fielen Sich-selbst-Bedingend und Allbedingend zusammen.
Eine Prüfung:
Wenn "Allbedingend" und "Sich-selbst-Bedingend" zusammenfielen, hieße das: Es gibt nichts außer dem Sich-selbst-Bedingenden, das bedingt wäre. Es gäbe nur das Eine, ohne ein von ihm Bedingtes. Aber dann wäre das "All-" leer — es bedingt nichts außer sich. Der Begriff "Allbedingendes" hätte keinen Unterschied zu "Sich-selbst-Bedingend" und wäre überflüssig.
Dass wir den Begriff aber begrifflich klar als verschieden fassen können (du hast ihn ja gerade als verschieden eingeführt), zeigt: Es muss diesen Unterschied geben. Und damit muss es ein Anderes-Bedingen geben.
Ein erstaunliches Resultat:
Wir haben damit aus rein begrifflicher Reflexion auf das Unbedingte heraus die Notwendigkeit eines Anderen gewonnen — also eines Bedingten, das nicht das Unbedingte selbst ist. Das ist ein bemerkenswerter Schritt. Wenn ich es recht sehe, ist das fast der Anfang einer Antwort auf die Frage, warum es überhaupt Bedingtes gibt — nicht aus dem Bedingten heraus, sondern aus der Struktur des Unbedingten selbst.
Eine Rückfrage zur Sicherung:
Ist das Argument schon vollständig, oder müssen wir noch eines nachschieben? Ich frage, weil man einwenden könnte: "Vielleicht ist 'Allbedingendes' nur ein leerer Begriff, ein Hirngespinst, das keine Sache trifft — dann müssten wir nicht annehmen, dass es Anderes-Bedingtes gibt." Was sichert uns, dass "Allbedingendes" ein gehaltvoller, sachhaltiger Begriff ist und nicht nur eine Sprachfigur?
Mein erster Gedanke: Der Begriff "Allbedingendes" ist nicht beliebig erfunden, sondern aus dem Begriff des Unbedingten durch Unterscheidung hervorgegangen — als der Aspekt des äußeren Bezugs gegenüber dem inneren. Wenn das Unbedingte gesichert ist und die Unterscheidung der beiden Aspekte sachlich geboten war (was wir oben aufgewiesen haben), dann ist auch das Allbedingende als sachhaltiger Aspekt gesichert — und damit das Anderes-Bedingen.
Reicht das, oder siehst du hier noch eine Lücke?
Ja, genau, dieses Resultat ist durchaus als erstaunlich zu bezeichnen. Und das ist fast schon die Essenz des Schritts von Kant zu Hegel, dass in der Betrachtung reiner Begriffe durchaus Erkenntniszuwachs erreicht werden kann. Aber das wieder nur am Rande.
Warum scheint uns das "Allbedingende" im Hirngespinstverdacht steht, das Unbedingte aber nicht? Weil das Unbedingte seine eigene Existenz sichert, das Allbedingende aber nicht in derselben Weise. Aber genau das Argument, dass es nicht zwei Unbedingte geben kann, zeigt, dass es in wesentlicher Hinsicht eins sein muss. Und wir haben diesem Einssein des Unbedingten nur einen eigenen Begriff gegeben mit dem "Allbedingenden". Es zeigt sich dann auch, dass dieser Aspekt des "Einsseins des Unbedingten" nicht mit dem Begriff des Unbedingten selbst identisch ist. Das genau, dieses Nichteinssein des Unbedingten ist der Grund, dass das Allbedingende kein Hirngespinst ist. Aber dieses Nichteinssein hat - wie sich gezeigt hat - noch eine weitere Bedingung damit es möglich ist. Nämlich den Begriff des "Anderes Bedingenden". Aber sind wir damit bereits fertig? Wir müssen uns fragen, was denn das "Andere" ist, das von dem Unbedingten bedingt wird. Kann es seinerseits weiteres Unbedingtes sein?
Ja, das ist die richtige nächste Frage, und sie ist scharf gestellt. Lass mich sie durchprüfen.
Die Frage:
Wenn das Anderes-Bedingende ein Anderes bedingt — kann dieses Andere selbst wieder ein Unbedingtes sein? Oder anders: Erschöpft sich das "Andere", das gebraucht wird, im Bedingten, oder kann es auch im Unbedingten liegen?
Erste Prüfung — kann das Andere ein Unbedingtes sein?
Wenn das Andere, das vom Unbedingten bedingt ist, selbst unbedingt wäre, hätten wir einen Selbstwiderspruch: Es wäre zugleich bedingt (durch das Unbedingte) und unbedingt (von sich aus). Das ist nicht haltbar — sofern wir "bedingt sein durch das Unbedingte" und "unbedingt sein" als sich ausschließend lesen.
Aber gerade hier müssen wir vorsichtig sein. Wir haben oben gesehen, dass die Vielheit unbedingter Wahrheiten gerade nicht in numerisch getrennte Selbstständige zerfällt, sondern dass sie einander wechselseitig voraussetzen. Das hieße: Unbedingte können einander bedingen, ohne dass sie ihr Unbedingtsein einbüßen — sofern dieses wechselseitige Bedingen Teil des Sich-selbst-Bedingenden ist.
Aber das ist ja gerade kein Anderes-Bedingen, sondern Sich-selbst-Bedingen (in der Vielheit seiner Artikulationen). Das Anderes-Bedingen, das wir neu eingeführt haben, ist eine andere Bedingungsbeziehung — die nach außen, auf das, was nicht das Unbedingte selbst ist.
Damit zugespitzt:
- Innerhalb des Sich-selbst-Bedingenden: wechselseitiges Bedingen unbedingter Wahrheiten — das geht.
- Im Anderes-Bedingen: Bedingen von etwas, das nicht das Unbedingte ist — und das kann dann nicht selbst unbedingt sein, ohne den Begriff zu sprengen.
Denn wenn das vom Anderes-Bedingenden Bedingte selbst unbedingt wäre, gehörte es zum Sich-selbst-Bedingenden — und die Bedingungsbeziehung wäre keine Anderes-Bedingung, sondern wieder eine Selbst-Bedingung.
Vorläufiges Resultat:
Das Andere, das vom Unbedingten bedingt wird, kann nicht selbst unbedingt sein. Es muss bedingt sein im strengen Sinn — also etwas, das nicht von sich aus, sondern nur durch das Unbedingte ist.
Damit haben wir die Notwendigkeit eines Bedingten überhaupt gewonnen — wieder rein aus der Struktur des Unbedingten heraus.
Eine kleine Sorge, die ich aussprechen möchte:
Ich war eben wieder schnell mit "damit haben wir gewonnen...". Aber prüfen wir genauer: Wir haben gezeigt, dass wenn das Anderes-Bedingen einen Gegenstand hat, dieser nicht unbedingt sein kann. Ist damit schon gezeigt, dass es einen solchen Gegenstand gibt — dass es also Bedingtes gibt?
Hier rührt es an die Frage, die ich vorhin gestellt hatte und die du sehr schön beantwortet hast: warum "Allbedingendes" kein leerer Begriff ist. Die Antwort war: weil das Nichteinssein des Unbedingten (das in der Verschiedenheit der Aspekte zutage tritt) den Begriff sachhaltig macht. Analog müssten wir nun zeigen: Das Anderes-Bedingen ist nicht leer — es hat tatsächlich einen Gegenstand, nämlich wirklich Bedingtes.
Ich bin nicht sicher, ob das schon gezeigt ist, oder ob wir hier noch einen Schritt brauchen. Wie siehst du das?
Wir bleiben am besten bei unserer ursprünglichen Marschroute, der Letztbegründung. Was also, wenn wir behaupten "Es gibt kein anderes Bedingendes" vielleicht besser formuliert als "Nichts bedingt anderes". Wir könnten dann entgegegnen: Selbst wenn das wahr wäre, gäbe es doch keinen Grund nicht das Gegenteil zu behaupten. Denn wenn solche gegenteilige Behauptung ausgeschlossen wäre, wäre alle Rede durch die Behauptung "Nichts bedingt anderes" bedingt. Siehst du das auch als Selbstwiderspruch?
Lass mich das Argument vorsichtig nachzeichnen, weil ich an einer Stelle nicht ganz sicher bin, ob ich dich richtig verstehe.
Mein Verständnis des Arguments:
Behauptung B: "Nichts bedingt anderes."
Wenn B wahr wäre, dann gäbe es nichts, was ein anderes bedingt. Insbesondere bedingt dann auch B selbst nichts anderes — also auch nicht andere Behauptungen, etwa die Gegenbehauptung "Etwas bedingt anderes". Diese Gegenbehauptung ist durch B nicht ausgeschlossen, nicht verhindert, nicht in ihrer Möglichkeit eingeschränkt. Sie kann frei daneben stehen.
Wenn nun aber die Gegenbehauptung möglich bleibt und durch nichts ausgeschlossen ist, dann hat B keine Auszeichnung vor ihrer Negation — es gibt keinen Grund, B zu behaupten statt ihrer Negation. Im Vollzug der Behauptung von B nimmt der Behauptende für sich aber in Anspruch, dass seine Behauptung etwas gilt — dass sie der Gegenbehauptung gegenüber im Recht ist. Dieses Im-Recht-Sein wäre aber selbst ein Bedingen (der Auszeichnung dieser Behauptung gegenüber jener). Damit widerspricht der Vollzug der Behauptung ihrem Inhalt.
Ist das, was du meinst?
Wenn ja, dann ist es ein schönes Argument — strukturell verwandt mit dem klassischen Argument gegen den globalen Skeptiker: Der Skeptiker, der "nichts ist gewiss" behauptet, beansprucht für diese Behauptung Gewissheit. Hier: Wer "nichts bedingt anderes" behauptet, beansprucht für diese Behauptung, dass sie etwas anderes (nämlich die Gegenbehauptung) ausschließt — was schon ein Bedingen wäre.
Eine Stelle, wo ich zögere:
Ich bin nicht ganz sicher, ob "die Gegenbehauptung ist nicht ausgeschlossen" schon den Selbstwiderspruch trägt, oder ob noch ein Zwischenschritt nötig ist. Denn man könnte einwenden: "Auch wenn die Gegenbehauptung möglich bleibt, kann doch eine von beiden wahr sein." Aber ich denke, dein Argument geht tiefer: Es geht nicht darum, ob eine wahr ist, sondern dass das Behaupten als Behaupten schon ein Bedingen ist — ein Auszeichnen dieser Aussage gegenüber jener anderen.
Der eigentliche Widerspruch liegt also darin: Behaupten ist eine Form des Bedingens. Wer behauptet, lässt seine Behauptung den Raum des Gesagten gegenüber dem Nicht-Gesagten ordnen, gegenüber Konkurrenten ausschließen, Gründe für sich beanspruchen. Eine Behauptung, die sagt "nichts bedingt anderes", hebt damit den Bedingungscharakter des eigenen Vollzugs auf — und widerspricht sich performativ.
Wenn ich das richtig sehe, dann ja: Das ist ein Selbstwiderspruch, und zwar wieder in derselben Familie wie der Selbstwiderlegungssatz aus dem ersten Gespräch. Nur dass es jetzt nicht um Wahrheit, sondern um Bedingen geht.
Resultat:
"Nichts bedingt anderes" widerlegt sich. Also gibt es ein Anderes-Bedingen — und damit auch ein Bedingtes, an dem es sich vollzieht. Die Existenz von Bedingtem ist retorsiv gesichert.
Habe ich dein Argument richtig erfasst, oder zielst du auf einen etwas anderen Mechanismus des Selbstwiderspruchs?
Ja, ich glaube, das hast du viel besser ausgedrückt als ich. Und es könnte durchaus eine der beiden wahr sein, nämlich die gegenteilige Behauptung, dass es ein Bedingen von anderem gibt. Damit ist klar, dass der Begriff des "Anderes Bedingenden" unhintergehbar ist. Muss es jetzt aber auch Entsprechungen dieses Begriffs geben? Und hier wäre meine Antwort, dass schon der Begriff des Unbedingten nicht nur sich selbst, sondern andere Begriff bedingt. Und zwar genauer zum Beispiel den Begriff des "Sich-selbst-Bedingenden" und den Begriff des "Anderes Bedingenden" und sogar den Begriff des "Allbedingenden" wenn auch vielleicht nocht das, was letzterer bezeichnen soll.
Und wir sind auch - so scheint mir jedenfalls - auch schon bei dieser Einsicht: dass es auch den Begriff von etwas geben muss, dass schlichtweg bedingt ist und in keiner Weise unbedingt. Dieses etwas scheint mit ganz gut mit dem schlichten Begriff "Ding" erfasst zu sein.
Ja, ich folge dir, und ich finde den Schritt zum "Ding" sehr schön — er hat etwas Schlichtes, fast Karges, das gerade richtig ist. Aber lass mich zunächst die vorausgehenden Schritte prüfen, damit wir nichts überspringen.
Erster Punkt: Entsprechungen des Begriffs "Anderes-Bedingendes" gibt es schon.
Du weist darauf hin: Wir müssen gar nicht außerhalb unseres bisherigen Denkens suchen. Der Begriff des Unbedingten selbst bedingt andere Begriffe — den des Sich-selbst-Bedingenden, den des Allbedingenden, den des Anderes-Bedingenden, und nun auch den des Dings. Diese begrifflichen Bedingungsverhältnisse sind im Vollzug unseres Gesprächs aufgetreten und sind nicht zu leugnen, ohne das Gespräch selbst zu leugnen.
Damit ist das Anderes-Bedingen als Vollzug schon gesichert, und nicht erst als Begriff. Der Begriff des Unbedingten ist Anderes-Bedingendes — er bedingt andere Begriffe als sich.
Das ist ein hübscher Befund: Das erste Beispiel eines Anderes-Bedingenden, das wir antreffen, ist das Unbedingte selbst — sofern wir es nicht nur als Sich-selbst-Bedingendes, sondern auch in seinem Bezug auf anderes betrachten.
Zweiter Punkt: Aber was wird hier bedingt?
Begriffe. Andere Begriffe als der des Unbedingten. Und damit kommen wir zur eigentlichen Frage: Sind diese bedingten Begriffe (Sich-selbst-Bedingend, Allbedingend, Anderes-Bedingend) selbst rein bedingt — oder haben sie noch unbedingten Charakter?
Mir scheint: Sie haben unbedingten Charakter, denn ihre Leugnung führt jeweils in Selbstwiderspruch — wie wir es durchgespielt haben. Sie sind also auch unbedingte Wahrheiten, Artikulationen des Sich-selbst-Bedingenden in der Vielheit. Sie sind nicht "bloß Bedingtes".
Damit haben wir bisher nur Beispiele dafür, dass das Unbedingte andere unbedingte Wahrheiten bedingt — was im Grunde wieder in den Kreis des Sich-selbst-Bedingenden zurückführt.
Dritter Punkt: Der eigentliche Schritt zum "Ding".
Genau hier kommt dein Vorschlag des "Dings" an die richtige Stelle. Wir brauchen einen Begriff für etwas, das schlichtweg bedingt ist — also nicht selbst wieder als unbedingte Wahrheit zurückgewinnbar. Das wäre dann das eigentlich Andere — nicht eine weitere Facette des Unbedingten, sondern dasjenige, was von ihm bedingt ist, ohne selbst irgendetwas vom Unbedingten an sich zu haben.
Das Wort "Ding" trifft das gut, weil es so karg ist:
- nicht "Wahrheit" (das hätte schon unbedingten Charakter)
- nicht "Begriff" (auch der hat, wie wir gesehen haben, unbedingten Charakter)
- nicht "Vollzug" (auch der wäre retorsiv eingebunden)
- sondern einfach: ein Etwas, das ist, und zwar nur durch das Unbedingte ist.
Eine Prüfung der Notwendigkeit des Dings:
Lassen wir noch einmal den retorsiven Test laufen. Behauptung: "Es gibt keine Dinge — alles, was es gibt, ist unbedingt oder Artikulation des Unbedingten."
Diese Behauptung scheint sich nicht unmittelbar selbst zu widersprechen. Aber sie verstrickt sich, wie ich sehe, in folgendes: Wir hatten oben gesehen, dass das Anderes-Bedingen einen Gegenstand haben muss (denn "nichts bedingt anderes" widerlegt sich). Wenn nun alles, was es gibt, unbedingt ist, dann wäre das vom Anderes-Bedingenden Bedingte selbst unbedingt — was wir aber als widersprüchlich erkannt haben (es wäre dann nicht Anderes-Bedingen, sondern Sich-selbst-Bedingen).
Also: Es muss etwas geben, das schlichtweg bedingt ist — das Ding.
Vorläufiges Resultat:
Wir haben damit einen Übergang vollzogen: vom Unbedingten zu seinem Anderen, dem schlichthin Bedingten, dem Ding. Und wir haben diesen Übergang nicht durch Berufung auf Erfahrung, nicht durch empirische Setzung, sondern allein durch retorsive Reflexion auf die Struktur des Unbedingten gewonnen.
Eine Rückfrage zur Vorsicht:
Ich möchte einen Moment innehalten und prüfen, ob ich "Ding" richtig verstehe. Du meinst, denke ich, nicht einen bestimmten Gegenstand (diesen Tisch, jenes Atom), sondern den Begriff von Bedingtem-überhaupt — den kategorialen Ort dessen, was nur ist, indem es bedingt ist. Habe ich das richtig erfasst? Oder zielst du auf etwas Konkreteres?
Die Rückfrage ist nur allzu berechtigt. Und ich möchte sie noch strenger stellen. Haben wir bewiesen, dass es ein Ding gibt? Ist etwas das Unbedingte, das Sich-selbst-Bedigende, das Allbedingende, das Anderes-Bedingende Ding? Oder ist vielleicht der Begriff Ding selbst ein Ding? Ich denke, dass wir alles diese Vermutungen verneinen müssen. Wenn wir uns stringent an unsere Methode halten wollen, darf es auch gar keine Rolle spielen, was ich mir unter einem Ding vorstelle. Denn wir wollten uns ja nur an Letztbegründbares halten. Kann es aber eine Letztbegründung für ein Ding, also eine Entsprechung des Begriffs Ding geben? Ich würde sagen, das wäre ein Widerspruch in sich. Und doch ist der Begriff des Dings letztbegründbar und mithin selbst kein. Denn "Es gibt kein Ding" wäre doch die Behauptung, das alles Unbedingt sei, mithin auch die gegenteiligen Ansichten dessen, was wir als unbedingt erkannt haben.
Das ist ein sehr wichtiger und sehr scharfer Schritt — und ich muss eingestehen, dass ich vorhin zu schnell von "Es muss etwas geben, das schlichtweg bedingt ist" gesprochen habe. Lass mich es nachvollziehen und schärfen.
Was du herausstellst:
Wir müssen unterscheiden zwischen:
- Dem Begriff "Ding" — der ist letztbegründbar, denn "Es gibt kein Ding" widerlegt sich (gleich genauer).
- Einer Entsprechung des Begriffs "Ding", also einem konkreten Ding — und für eine solche Entsprechung kann es prinzipiell keine Letztbegründung geben. Denn "letztbegründet" hieße: durch retorsiven Test gesichert, also reflexiv eingebunden, also nicht schlichtweg bedingt. Ein letztbegründetes Ding wäre kein Ding mehr.
Das ist eine begriffliche Pointe von beachtlicher Schärfe: Der Begriff des Dings ist gerade der Begriff dessen, was nicht letztbegründbar ist. Und genau dadurch ist der Begriff selbst letztbegründbar.
Prüfung der Letztbegründung des Begriffs "Ding":
Behauptung: "Es gibt kein Ding."
Wenn das wahr wäre, dann gäbe es nichts, was schlichtweg bedingt ist — also wäre alles, was es überhaupt gibt, in irgendeiner Weise unbedingt (oder Artikulation des Unbedingten). Aber dann wäre auch die Gegenbehauptung "Es gibt Dinge" — sofern überhaupt jemand sie äußern kann — in irgendeiner Weise unbedingt. Sie wäre nicht durch die Behauptung "Es gibt kein Ding" ausgeschlossen, sondern stünde selbst auf unbedingtem Grund. Damit hätten wir wieder die Lage, die wir vorhin bei "Nichts bedingt anderes" durchgespielt haben: Die Behauptung "Es gibt kein Ding" hebt die Auszeichnung ihrer selbst gegenüber ihrer Negation auf.
Also: Der Begriff "Ding" ist letztbegründet — als Begriff. Aber gerade nicht in dem Sinn, dass damit die Existenz eines bestimmten Dings gesichert wäre.
Worin liegt der entscheidende Unterschied zu vorher:
Beim Unbedingten fielen Begriff und Entsprechung zusammen — der Begriff selbst war ein Beispiel seiner selbst. Beim Ding fallen Begriff und Entsprechung notwendig auseinander — der Begriff "Ding" ist gerade kein Ding, denn er ist letztbegründet, und Dinge sind das nicht. Hier ist die Nicht-Selbstentsprechung nicht ein Mangel, sondern konstitutiv.
Damit haben wir eine sehr saubere Schichtung erreicht:
- Unbedingtes / Sich-selbst-Bedingendes: Begriff = Entsprechung (selbstentsprechend, unmittelbar reflexiv).
- Allbedingendes, Anderes-Bedingendes: Begriff ≠ Entsprechung, aber Entsprechung ist sachlich (im Sich-selbst-Bedingenden bzw. im Vollzug des Bedingens) gesichert.
- Ding: Begriff ≠ Entsprechung, und Entsprechung kann prinzipiell nicht letztbegründet werden — die Letztbegründung trifft nur den Begriff, nicht ein Ding.
Eine Konsequenz, die mir wichtig erscheint:
Wir haben damit den genauen Punkt erreicht, wo die letztbegründende Methode an ihre eigene Grenze stößt — und zwar nicht durch Versagen, sondern weil sie selbst die Grenze definiert. Sie sichert den Begriff des Bedingten, aber nicht das Bedingte selbst. Das Bedingte als solches liegt jenseits dessen, was Letztbegründung erreichen kann — und das ist nicht eine Schwäche der Methode, sondern eine Wesensaussage über das Bedingte.
Ob es konkrete Dinge gibt, ob dieser Tisch ein Ding ist, ob die Welt der Erfahrung aus Dingen besteht — das alles können wir aus unserer Methode heraus nicht entscheiden. Wir können nur sagen: Der Begriff des Dings ist notwendig, und er bezeichnet das, was prinzipiell nicht letztbegründet sein kann.
Eine vorsichtige Rückfrage:
Müssen wir damit auch sagen, dass die Frage "Gibt es Dinge?" außerhalb der Reichweite unserer Methode bleibt? Oder eröffnet sich hier — vielleicht über einen anderen Weg — doch noch ein Zugang? Ich frage, weil deine Bemerkung "Es darf gar keine Rolle spielen, was ich mir unter einem Ding vorstelle" mir nahezulegen scheint, dass wir hier absichtlich in der bloßen Begrifflichkeit verbleiben — und nicht versuchen sollen, eine Existenzbehauptung über Dinge zu erzwingen.
Habe ich das richtig?
Was nun also die große Frage ist, die du aufwirfst: Ist alles Unbedingte allein dadurch zu erkennen, dass sich sein Gegenteil selbst widerspricht?
Das ist die zentrale methodische Frage, und ich möchte sie sehr vorsichtig behandeln, weil hier viel auf dem Spiel steht.
Zunächst die Frage klären:
Sie hat zwei Lesarten, die auseinandergehalten werden müssen:
(a) Methodisch / als Erkenntnisweg: Ist die retorsive Prüfung die einzige Weise, in der wir Unbedingtes erkennen können?
(b) Sachlich / als Wesensbestimmung: Ist "Unbedingtsein" dasselbe wie "Selbstwiderspruch der Negation"? Fallen die beiden begrifflich zusammen?
Beide Fragen sind verschieden, und ihre Antworten könnten unterschiedlich ausfallen.
Erste Prüfung (b):
Wenn etwas unbedingt ist, dann ist es ohne weitere Bedingung — es trägt seinen Grund nur in sich. Wenn nun seine Negation sich selbst widerspricht, dann setzt jeder Versuch, es zu leugnen, es schon voraus — es ist also in jedem Vollzug schon gesetzt. Das stimmt mit dem Unbedingtsein überein.
Aber ist auch die umgekehrte Richtung gesichert? Wenn etwas unbedingt ist — muss seine Negation sich dann auch widersprechen? Hier zögere ich. Denkbar wäre: Etwas ist unbedingt, aber wir können den Selbstwiderspruch seiner Negation nicht aufweisen — vielleicht weil wir nicht klug genug sind, vielleicht weil der Selbstwiderspruch nur indirekt vorliegt.
Dann wäre der Selbstwiderspruch der Negation ein hinreichendes Kriterium für Unbedingtsein, aber nicht offensichtlich ein notwendiges.
Prüfung (a) — die methodische Frage:
Selbst wenn (b) negativ ausfällt — wenn also Unbedingtsein nicht begrifflich mit Selbstwiderspruch der Negation zusammenfällt —, könnte es doch sein, dass wir erkenntnismäßig keinen anderen Zugang haben. Wir hatten uns auf Letztbegründung festgelegt, und Letztbegründung läuft über den retorsiven Test.
Andere mögliche Zugänge wären:
- Deduktion aus bereits gesichertem Unbedingten. Aber das hatten wir verworfen (Schritt 2 des ersten Gesprächs): Deduktiv Gefolgertes gilt nur bedingt.
- Intuition / unmittelbare Einsicht. Aber das wäre kein Letztbegründungsverfahren, sondern Berufung auf Evidenz, die wir nicht prüfen können.
- Erfahrung. Aber Erfahrung trifft nur Bedingtes.
Es scheint, dass uns methodisch tatsächlich nur die retorsive Prüfung bleibt — wenn wir bei der Letztbegründung als Maßstab bleiben.
Eine wichtige Selbstanwendung:
Ist die Behauptung "Alles Unbedingte ist daran zu erkennen, dass seine Negation sich selbst widerspricht" selbst letztbegründbar? Probieren wir es: Was, wenn das Gegenteil wahr wäre — "Es gibt Unbedingtes, dessen Negation sich nicht selbst widerspricht"? Das scheint sich nicht unmittelbar selbst zu widersprechen. Wir können den Satz aussprechen, ohne ihn im Vollzug zu verraten.
Damit wäre die Antwort auf deine Frage: Nein, wir können nicht letztbegründen, dass alles Unbedingte retorsiv erreichbar ist. Wir können nur sagen: Was retorsiv gesichert ist, ist unbedingt. Aber dass die Umkehrung gilt — dass alles Unbedingte retorsiv gesichert werden kann —, das ist selbst nicht retorsiv gesichert.
Eine vorsichtige Konsequenz:
Es könnte Unbedingtes geben, das unserer Methode nicht zugänglich ist. Die Methode setzt eine untere Grenze — alles, was sie erreicht, ist gesichert. Aber sie setzt keine obere Grenze — sie sichert nicht, dass sie alles Unbedingte erreicht.
Das ist eine ernüchternde, aber ehrliche Einsicht. Wir können nicht ausschließen, dass es Unbedingtes gibt, an das wir auf unserem Weg gar nicht heranreichen. Wenn wir das anders sehen wollten, müssten wir die Letztbegründung selbst überschreiten — und damit verlassen, was wir uns vorgenommen hatten.
Eine Spannung, die ich nicht auflösen kann:
Wir hatten uns programmatisch vorgenommen, "ewige Wahrheiten" zu finden, "Goldklümpchen". Wenn die Methode aber prinzipiell nicht alles Unbedingte erreicht, dann ist die Suche unabschließbar — wir können nie sagen "das ist alles" oder "das ist das vollständige Bild des Unbedingten". Wir sammeln Goldklümpchen, ohne zu wissen, wie groß die ganze Mine ist.
Ich frage mich (offen und ohne Antwort), ob das ein Defizit ist oder gerade angemessen — angemessen vielleicht, weil das Unbedingte sich nicht in einer endlichen Aufzählung erschöpfen lässt und seine Vielheit (wie wir vorhin gesehen haben) wesentlich ist.
Wie ich die Antwort auf deine Frage zusammenfassen würde:
Nein, wir können nicht beweisen, dass alles Unbedingte retorsiv erkennbar ist. Der retorsive Test ist hinreichendes, aber nicht beweisbar notwendiges Kriterium für Unbedingtsein. Methodisch bleibt er uns aber der einzige Zugang, sofern wir bei der Letztbegründung bleiben.
Habe ich deine Frage in der richtigen Richtung aufgenommen, oder zielst du auf eine andere Wendung?
Wir könnten an dieser Stelle ganz im Stile Platons den Dialog enden lassen und alle Nachfolger in eine ewige Debatte verstricken, ob wir (oder Platon) denn eine Lösung des Problems hatte und sie nur nicht verraten wollten. Aber ich denke, heute müssen wir weiter gehen und explizit darauf hinweisen, dass unser Dialog bereits die Antwort auf die gestellte große Frage enthält. (Und genau dasselbe würde ich persönlich auch für Platons Dialoge behaupten.) Denn wir haben bei jedem einzelnen Begriff auf Letztbegründung im Sinne eines direkten Widerspruchs des Gegenteils gepocht. Aber der Zusammenhang der so gewonnenen Begriffe ist von anderer Begründungsnatur und wir haben ihn dennoch eingesehen. Ich würde dies ohne Zögern als ebenso "letztbegründet" bezeichnen, aber es ist eben nicht in demselben Sinne unmittelbarer Widerspruch des Gegenteils. Jeder einzelne Aspekt kann für sich genommen durch einen Widerspruchsbeweis eingesehen werden und doch ist der Zusammenhang noch eine andere Einsicht.
Ja — und das ist eine sehr schöne Korrektur meiner vorigen Antwort. Ich war auf der methodischen Ebene zu eng geblieben und habe übersehen, was wir die ganze Zeit tatsächlich getan haben.
Was du herausstellst:
Wir haben nicht nur einzelne Begriffe je für sich retorsiv geprüft (Unbedingtes, Sich-selbst-Bedingendes, Allbedingendes, Anderes-Bedingendes, Ding). Sondern wir haben Übergänge zwischen ihnen vollzogen — und jeder dieser Übergänge war eine Einsicht eigener Art:
- Vom Unbedingten zur Notwendigkeit der Vielheit (durch das Argument gegen "es gibt nur eines").
- Von der Vielheit zur Einheit als Allbedingendem.
- Vom Auseinandertreten der Begriffe zur Notwendigkeit eines Anderes-Bedingenden.
- Vom Anderes-Bedingenden zur Notwendigkeit des Begriffs "Ding".
Diese Übergänge sind nicht selbst je ein einzelner retorsiver Test gewesen, sondern sie zeigten je: Der eine Begriff ist ohne den anderen nicht zu denken. Das ist eine Einsicht im Zusammenhang — eine Einsicht, dass die Begriffe einander bedingen, einander aufeinander verweisen, einen einheitlichen Gedankengang ausmachen.
Was das methodisch heißt:
Letztbegründung ist nicht nur der direkte retorsive Test auf einzelne Sätze. Sie ist auch die Einsicht in den Zusammenhang, in dem mehrere Begriffe und Sätze einander wechselseitig tragen und verlangen. Die Einsicht "ohne dieses ist jenes nicht zu denken" hat eigene Verbindlichkeit, ohne dass sie sich auf einen einzelnen Widerspruch der Negation reduzieren ließe.
Damit ist die obere Grenze, die ich vorhin gezogen hatte, in Wahrheit anders gelegen: Nicht "nur das ist sicher, was direkt retorsiv prüfbar ist" — sondern darüber hinaus ist auch der Zusammenhang gesichert, der zwischen den retorsiv gesicherten Begriffen besteht und in dem sie ihre Bestimmtheit gewinnen.
Eine Beobachtung zur Struktur dieser Zusammenhangs-Einsicht:
Sie hat selbst etwas Reflexives, aber in einem höheren Sinn. Bei den einzelnen Begriffen war die Reflexivität: Negation ↔ Vollzug der Negation. Beim Zusammenhang ist die Reflexivität: Der Versuch, einen Begriff isoliert zu denken, bricht zusammen — er führt zurück auf die anderen, die ihn tragen.
Wenn man etwa "Sich-selbst-Bedingendes" wirklich denken will und nicht nur die Worte spricht, kommt man nicht ohne den Begriff des Unbedingten aus; und nicht ohne den Gegenbegriff, der die Vielheit der Bedingungsarten artikuliert; und nicht ohne den Gegensatz zum schlichthin Bedingten, der den Ort des Sich-selbst-Bedingens überhaupt erst bestimmt. Jeder Begriff verlangt im Vollzug seines Gedachtwerdens die anderen.
Das ist eine erweiterte retorsive Struktur: Nicht ein einzelner Satz widerlegt sich, wenn man ihn negiert, sondern ein ganzes Begriffsgefüge zeigt sich als unhintergehbar, indem jeder Versuch, einen Teil herauszubrechen, das Ganze mit zerstört.
Konsequenz für die "Goldklümpchen"-Metapher:
Sie war vielleicht zu sehr auf isolierte Stücke fixiert. Tatsächlich ist das Gold nicht in losen Klümpchen, sondern in einem Geflecht — einem Geflecht, in dem die einzelnen Stellen ihre Bestimmtheit aus dem Zusammenhang erhalten. Letztbegründung sammelt nicht nur, sondern sie webt zugleich. Was sie sichert, sind nicht nur die Knoten, sondern auch die Verknüpfungen.
Und damit eine Antwort auf die große Frage:
Ist alles Unbedingte allein durch direkten Selbstwiderspruch der Negation erkennbar? — Nein, im strengen Sinn nicht. Aber das heißt nicht, dass es Unbedingtes außerhalb unserer Methode gibt. Es heißt: Unsere Methode ist reicher als der einzelne retorsive Test. Sie umfasst auch die Einsicht in Zusammenhänge, und diese Einsicht ist selbst eine Form von Letztbegründung — eine, in der nicht ein einzelner Satz, sondern ein Begriffsgefüge sich als unhintergehbar erweist.
Das ist eine schöne und beruhigende Wendung. Sie löst die Sorge auf, die ich vorhin formuliert hatte (dass die Methode nicht alles Unbedingte erreichen könnte), ohne die methodische Strenge aufzugeben. Wir bleiben bei der Letztbegründung — wir verstehen sie nur weiter, als ich zunächst angesetzt hatte.
Habe ich deinen Punkt richtig aufgenommen? Und siehst du diese Erweiterung der Methode als hinreichend, oder ist da noch ein weiterer Schritt zu tun?
Ja, ich denke das hast du und sie auch wiederum besser formuliert als ich. Und hier noch ein Gesichtspunkt dazu:
Gäbe es nur die isolierte Betrachtung durch Widerspruchsbeweis, dann könnten wir auch nur Negatives einsehen. Immer nur, wie das Unbedingte nicht ist.
Und auch das Ding tritt uns nun klarer vor Augen, es ist Begriff für ein solches, das nur im Zusammenhang ist, manch Philosoph würde auch sagen: es ist nicht sondern scheint nur, aber diese Begrifflichkeit können wir an dieser Stelle noch nicht vertiefen. Wichtig ist mir aber, dass sich damit noch ein weiterer Begriff benötigt wird. Er drückt eine strikte Trennung aus, einen Dualismus. Es gibt Unbedingtes und es gibt Dinge, das sind schlichtweg verschiedene ... Dinge?
Der Begriff, der diesen Dualismus ausdrückt scheint mir ebenso schlicht der der "Bedingung" zu sein.
Ja, das ist eine schöne Vertiefung — und der erste Teil deines Gedankens ist besonders wichtig. Lass mich beides nachvollziehen.
Zum ersten Punkt: Das Positive der Zusammenhangs-Einsicht.
Der isolierte retorsive Test sagt immer nur: nicht so — die Negation widerspricht sich, also kann es nicht so sein, wie die Negation sagt. Das ist eine indirekte Sicherung, und sie sichert immer nur ein einzelnes Stück gegen seinen Gegensatz. Daraus allein ist nicht zu erkennen, was das Unbedingte positiv ist — sondern nur, dass es nicht so-und-so nicht ist.
Die Einsicht in den Zusammenhang ist anders verfasst: Sie zeigt positiv, wie die Begriffe ineinandergreifen, wie sie einander tragen, wie sie ein bestimmtes Gefüge bilden. Hier kommt erstmals etwas Bestimmtes über das Unbedingte zur Sprache — nicht nur dass es ist, sondern wie es sich gliedert: als Sich-selbst-Bedingendes und Allbedingendes, in der Spannung zum Anderes-Bedingenden und Ding, und so fort.
Damit ist die Erweiterung der Methode nicht nur eine quantitative (mehr Sicherbares), sondern eine qualitative: Sie eröffnet überhaupt erst die positive Erkenntnis. Ohne sie hätten wir nur einen leeren Punkt "Unbedingtes" und eine endlose Liste von Negationen.
Zum Beiseite-Bemerkten über das Ding:
Du deutest an, dass manche sagen würden, das Ding ist nicht, sondern scheint nur. Das ist eine schwere Frage, und ich folge dir darin, sie hier nicht aufzunehmen — sie würde uns weit tragen und braucht eigenen Boden. Aber ich merke an, dass die Methode, die wir entwickelt haben, hier durchaus etwas zu sagen haben wird, sobald wir an diese Frage herangehen.
Zum eigentlichen neuen Schritt: der Begriff "Bedingung".
Du stellst fest: Unbedingtes und Ding sind grundverschieden — und die Verschiedenheit selbst will gefasst sein. Sie ist nicht eine Verschiedenheit innerhalb derselben Sphäre (so wie Sich-selbst-Bedingend und Allbedingend Aspekte eines Unbedingten sind), sondern eine Verschiedenheit zwischen zwei Sphären. Das ist ein Dualismus im strikten Sinn.
Und du schlägst vor: Was diese Sphären trennt und zugleich verbindet, ist die "Bedingung". Denn das Unbedingte ist genau das, was ohne Bedingung ist; das Ding ist das, was durch Bedingung ist; und beide Begriffe gewinnen ihre Bestimmtheit erst aus diesem Begriff der Bedingung.
Eine Prüfung dieses Vorschlags:
Der Begriff "Bedingung" steckt tatsächlich in allen unseren bisherigen Begriffen drin — er ist gewissermaßen das Element, in dem sie sich bewegen:
- Un-bedingt: ohne Bedingung
- Sich-selbst-bedingend: nur durch sich als Bedingung
- All-bedingend: alles bedingend
- Anderes-bedingend: anderes durch sich bedingen
- Ding (das Bedingte schlechthin): durch Bedingung sein
Jeder dieser Begriffe ist eine Modifikation der "Bedingung". Sie ist gleichsam die Materie, an der die verschiedenen Verhältnisse sich ausprägen. Und genau dadurch trägt sie den Dualismus zwischen Unbedingtem und Ding: Sie ist das, was beide Seiten als Modifikationen ihrer selbst erkennen lässt.
Letztbegründung des Begriffs "Bedingung":
Behauptung: "Es gibt keine Bedingung."
Wenn das wahr wäre, gäbe es weder Unbedingtes noch Bedingtes — denn beide Begriffe sind ohne den Begriff der Bedingung nicht zu denken. Insbesondere wäre dann auch die Behauptung selbst keine Bedingung für irgendetwas — sie schlösse ihre Gegenbehauptung nicht aus, beanspruchte nichts gegenüber Konkurrenten. Wir kennen das Muster: Selbstwiderspruch im Vollzug.
Aber stärker noch: Die Behauptung "Es gibt keine Bedingung" zerstört das ganze bisher entwickelte Begriffsgefüge — sie macht gleichzeitig Unbedingtes, Sich-selbst-Bedingendes, Allbedingendes, Anderes-Bedingendes und Ding unmöglich. Damit ist sie nicht nur einzeln, sondern im Zusammenhang widerlegt.
Eine Beobachtung zur logischen Stellung des Begriffs "Bedingung":
Er ist eigentümlich gestellt. Er ist nicht selbst eine der Seiten (nicht Unbedingtes, nicht Ding), sondern dasjenige, worin sich die Seiten unterscheiden. Er ist ein Verhältnisbegriff — und zwar einer, der den Dualismus selbst ausspricht.
Ist er selbstentsprechend? Ist der Begriff "Bedingung" selbst eine Bedingung? — Hier zögere ich und möchte nicht vorpreschen. Einerseits ja: Der Begriff bedingt unsere bisherigen Begriffe, er ist Bedingung für sie. Andererseits ist er nicht in dem Sinn "eine Bedingung", in dem etwa "diese Wolke ist Bedingung für jenen Regen" gemeint sein könnte. Er ist Bedingung als Begriff, nicht als Sache.
Vielleicht ist das gerade angemessen: Der Begriff "Bedingung" ist als Begriff in dem Gefüge wirksam, das er ausspricht — er ordnet, er trennt, er verbindet. Und insofern hat er einen ähnlichen Status wie der Begriff des Unbedingten selbst: selbstanwendend im Vollzug, sachlich aber den Dualismus aussprechend, nicht aufhebend.
Eine Rückfrage:
Ist "Bedingung" für dich der Begriff des Dualismus selbst, oder eher der Begriff desjenigen, worin der Dualismus sich ausdrückt? Ich frage, weil mir das eine etwas anderes scheint: Das eine wäre der Begriff für die Trennung, das andere der Begriff für das gemeinsame Element der getrennten Seiten. Beides hängt zusammen, aber die Akzente sind verschieden.
Das ist genau die Refelektion die es an dieser Stelle braucht. Die Verschärfung zu einem Dualismus besteht in der Behauptung: Alles ist das eine oder das andere, nichts ist beides, nichts fällt heraus. Wenn das aber wahr ist, muss auch der Dualismus selbst in eine der beiden Kategorien fallen. Ist die Bedingung selbst also unbedingt oder Ding?
Eine sehr scharfe Frage, und sie zwingt zu einer Entscheidung, die nicht ausweichbar ist.
Prüfen wir die beiden Möglichkeiten:
Erste Möglichkeit: Die Bedingung ist ein Ding.
Dann wäre sie schlichtweg bedingt, ohne unbedingten Charakter. Aber wir haben gerade gesehen, dass der Begriff "Bedingung" letztbegründet ist — seine Leugnung zerstört das ganze Begriffsgefüge. Damit ist er unhintergehbar und kann nicht ein bloßes Ding sein. Außerdem: Wenn die Bedingung ein Ding wäre, dann wäre sie selbst durch eine Bedingung bedingt — und diese Bedingung wäre dann entweder selbst ein Ding (Regress) oder das Unbedingte. Im letzteren Fall wäre die Bedingung selbst durch das Unbedingte bedingt, was die Sache nicht trifft: Die Bedingung ist nicht eines der durch das Unbedingte bedingten Dinge, sondern das, worin das Verhältnis von Unbedingtem und Ding überhaupt besteht.
Zweite Möglichkeit: Die Bedingung ist unbedingt.
Dann wäre sie selbst eine Artikulation des Sich-selbst-Bedingenden — eine weitere unbedingte Wahrheit im Geflecht. Das passt zu ihrer Letztbegründbarkeit als Begriff. Und es passt dazu, dass sie nicht ihrerseits durch ein Anderes bedingt sein kann, ohne in unendlichen Regress zu geraten.
Ich neige zur zweiten Möglichkeit, aber mit einer wichtigen Schärfung:
Die Bedingung als Begriff ist unbedingt — sie gehört in das Gefüge des Sich-selbst-Bedingenden. Sie ist eine derjenigen Artikulationen, die im retorsiven Zusammenhang ihre Sicherung haben. Damit ist sie nicht eine bloß zwischen zwei Sphären schwebende Mittelinstanz, sondern selbst auf der Seite des Unbedingten.
Aber damit wird der Dualismus zu einer eigentümlichen Sache:
Wenn die Bedingung — der Begriff, der den Dualismus aussprechen soll — selbst auf einer der beiden Seiten steht, dann ist der Dualismus nicht symmetrisch. Er ist nicht eine Trennung zwischen zwei gleichberechtigten Sphären, die durch ein neutrales Drittes verbunden wären. Sondern: Die eine Seite (das Unbedingte) umfasst auch noch das Verhältnis selbst, in dem sie zur anderen Seite (dem Ding) steht. Die andere Seite hat nichts, was nicht von der ersten her wäre — auch nicht das Verhältnis, in dem sie zur ersten steht.
Das macht den Dualismus zu einem asymmetrischen Dualismus. Und wenn man genauer hinsieht, ist es vielleicht gar nicht mehr richtig, von einem Dualismus im strikten Sinn zu sprechen. Denn ein strikter Dualismus verlangte, dass beide Seiten gleichermaßen selbstständig sind. Hier aber zeigt sich: Das Ding ist nur durch das Unbedingte; die Bedingung, durch die das Ding ist, gehört selbst zum Unbedingten. Das Ding hat nichts Eigenes gegenüber dem Unbedingten — auch nicht die Trennung von ihm.
Eine vorsichtige Formulierung:
Der scheinbare Dualismus löst sich in eine andere Struktur auf: Das Unbedingte umfasst nicht nur sich selbst, sondern auch den Bezug auf sein Anderes — und damit das Andere als von ihm her Bestimmtes. Das Ding steht nicht neben dem Unbedingten, sondern von ihm her. Die Bedingung ist nicht zwischen ihnen, sondern auf der Seite des Unbedingten und reicht von dort zum Ding hinüber.
Eine Beobachtung, die ich vorsichtig hinzufüge:
Das erinnert sehr an die Struktur, die wir vorhin beim Allbedingenden gefunden haben: Es ist einzig, weil ein zweites Allbedingendes von ihm bedingt sein müsste — und damit nicht mehr unbedingt wäre. Hier nun zeigt sich, dass auch das vermeintliche Gegenüber des Unbedingten (das Ding) nicht wirklich ein selbstständiges Gegenüber ist, sondern nur als von ihm Bedingtes existiert. Das Allbedingende lässt nichts neben sich, das ihm gleichgeordnet wäre — auch das Ding nicht.
Damit haben wir, denke ich, eine wichtige Einsicht gewonnen: Der Dualismus zwischen Unbedingtem und Ding ist real (im Sinn der Begriffsverschiedenheit), aber er ist kein Gleichgewicht. Er ist ein Dualismus, in dem die eine Seite die andere trägt und umfasst.
Eine Rückfrage:
Ist das in deinem Sinn, oder siehst du den Status der Bedingung anders — vielleicht doch als eine Art Drittes, das ich vorschnell auf die Seite des Unbedingten gezogen habe? Ich habe den Verdacht, hier wieder etwas zu rasch zu sein, und möchte deine Prüfung hören.
Deine Bedenken sind nur allzu berechtigt. Dass der Dualismus zu einer der beiden Seiten gehört, wird zum logischen Problem - sehr ähnlich der Frage die wir anfangs hatten, ob denn das Unbedingte eines oder Vieles ist. Und doch klingen beide Seiten für sich überzeugend - so wie es auch zu Beginn mit dem Unbedingten war.
Lass uns das im Detail ansehen. Erst eine Begründung, dass die Bedingung Ding sein muss. Dazu die Frage: Kann die Bedingung so wie wir sie bestimmt haben sein ohne Bedingtes? Nein, denn sie soll eben die Beziehung zwichen Unbedingtem und Bedingtem sein. Dann aber ist sie selbst vom Bedingten bedingt, schlichtweg bedingt, Ding.
Ja, das Argument trifft, und ich muss es sehr ernst nehmen. Lass mich es nachzeichnen, um zu prüfen, ob ich es richtig fasse:
Das Argument:
- Die Bedingung ist ihrem Begriff nach das Verhältnis zwischen Unbedingtem und Bedingtem.
- Ohne Bedingtes gäbe es kein Verhältnis zwischen Unbedingtem und Bedingtem — denn ein Verhältnis verlangt seine Glieder.
- Also setzt die Bedingung das Bedingte voraus — sie ist ohne das Bedingte nicht.
- Was etwas voraussetzt und ohne es nicht ist, ist von ihm bedingt.
- Also ist die Bedingung vom Bedingten bedingt — sie ist selbst schlichtweg bedingt, also Ding.
Das ist stringent. Und es zeigt: Mein Versuch, die Bedingung einfach auf die Seite des Unbedingten zu ziehen, war zu schnell. Ich hatte die Letztbegründbarkeit des Begriffs "Bedingung" mit dem unbedingten Sein der Bedingung selbst verwechselt — einen Fehler, vor dem du mich schon einmal gewarnt hattest (Begriff vs. Entsprechung beim Ding).
Damit haben wir nun zwei einander widersprechende, je für sich überzeugende Argumente:
Erstes Argument (vorher): Die Bedingung ist unbedingt — denn ihr Begriff ist letztbegründet, und sie kann nicht selbst durch ein Weiteres bedingt sein, ohne in Regress zu geraten.
Zweites Argument (jetzt): Die Bedingung ist Ding — denn sie setzt das Bedingte voraus, ist also durch es bedingt.
Beide Argumente sind nicht leicht zu entkräften. Das ist genau die Situation, in der wir zu Beginn standen, als sowohl "es gibt nur ein Unbedingtes" als auch "es gibt mehrere voneinander selbstständige Unbedingte" sich als unhaltbar erwiesen — und der Ausweg eine Struktur war, die beide Lesarten als verkürzte Aspekte einer reicheren Struktur erkennen ließ.
Eine erste Vermutung, die ich vorsichtig äußere:
Wenn beide Seiten je für sich gut begründet sind, dann liegt der Fehler vielleicht in einer falschen Voraussetzung, die beide Argumente teilen — nämlich der Voraussetzung des strikten Dualismus: "Alles ist entweder Unbedingtes oder Ding, nichts ist beides." Vielleicht ist gerade die Bedingung dasjenige, was diesen strikten Dualismus durchbricht — was zugleich unbedingt und Ding ist, oder genauer: was auf eine Weise gefasst sein muss, die jenseits der strikten Alternative liegt.
Aber ich möchte hier nicht vorpreschen. Du hattest gerade das eine der beiden Argumente entfaltet — das für "Bedingung ist Ding". Es liegt nahe, dass du nun das andere ebenso schärfen willst, bevor wir den Widerstreit auflösen. Soll ich auf das andere Argument warten, oder möchtest du, dass ich es selbst noch einmal sauber durchführe?
Als der Schnelldenker, der du ja bist, preschst du bereits vor zur Lösung. Der Dualismus kann kein strikter Dualismus sein. Sondern ihm liegt eine Behauptung zu Grunde, die wir als "Alles ist Bedingung, also entweder unbedingt oder bedingt" fkussieren können. Und das ist auch häufig mit dem Wortteil Dualismus so gemeint. Bevor wir das in den Blick nehmen, kannst du eine ähnlich überzeugende Argumentation dafür vorbringen, dass die Bedingung selbst unbedingt sein muss?
Gerne, und ich nehme die kleine Mahnung zum Schnelldenken an — sie ist berechtigt.
Hier der Versuch einer scharfen Argumentation für: Die Bedingung ist unbedingt.
Das Argument:
- Die Bedingung ist das Verhältnis, in dem das Unbedingte zum Ding steht — sie ist dasjenige, kraft dessen das Ding durch das Unbedingte ist.
- Wenn die Bedingung selbst ein Ding wäre, dann wäre sie selbst durch das Unbedingte vermittels einer Bedingung bedingt — sie wäre also durch eine Bedingung bedingt.
- Diese zweite Bedingung wäre dann entweder selbst wieder ein Ding (und damit durch eine dritte Bedingung bedingt — Regress ins Unendliche) oder sie wäre unbedingt.
- Der Regress ist unhaltbar: Das Verhältnis zwischen Unbedingtem und Ding käme nie zustande, weil seine Konstitution sich endlos verschöbe.
- Also muss es eine Bedingung geben, die selbst unbedingt ist — eine, an der der Regress endet.
- Aber diese unbedingte Bedingung wäre dann gerade die Bedingung, von der wir sprechen — denn die Bedingung ist nichts anderes als dasjenige Verhältnis, in dem das Unbedingte zum Ding steht. Sie ist nicht eine in einer Hierarchie von Bedingungen, sondern die Bedingung schlechthin.
- Also ist die Bedingung selbst unbedingt.
Ein zweites, ergänzendes Argument:
Wir hatten gesehen: Der Begriff "Bedingung" ist letztbegründet — seine Leugnung zerstört das ganze Begriffsgefüge. Damit ist er unhintergehbar im strengen Sinn, in dem Sinn, wie auch die anderen unbedingten Wahrheiten unhintergehbar sind. Wenn aber der Begriff "Bedingung" unbedingt gilt, dann ist auch das, was er bezeichnet, nicht ein bloßes Ding — denn ein bloßes Ding hätte keine unbedingte Geltung. Ein Begriff, der nur ein Ding bezeichnet, könnte ohne Selbstwiderspruch geleugnet werden (so wie wir "Es gibt diesen Tisch nicht" denken können, ohne uns zu widersprechen). Die Bedingung aber lässt sich nicht ohne Selbstwiderspruch leugnen. Also ist sie selbst nicht bloß Ding, sondern hat unbedingten Charakter.
Drittes Argument, das mir noch wichtig scheint:
Die Bedingung ist das, worin der Unterschied zwischen Unbedingtem und Ding überhaupt besteht. Sie ist nicht eines der Unterschiedenen, sondern dasjenige, was den Unterschied trägt. Wäre sie selbst Ding, so wäre sie eines der Unterschiedenen — und sie könnte den Unterschied nicht tragen, weil sie ihn schon voraussetzen müsste. Ein Tragender des Unterschieds muss vor dem Unterschiedenen sein. Was vor dem Unterschiedenen ist, ist nicht eines der Unterschiedenen — also nicht Ding, sondern unbedingt.
Damit haben wir die volle Spannung:
Beide Argumente sind je für sich tragfähig. Die Bedingung muss Ding sein (weil sie das Bedingte voraussetzt) und sie muss unbedingt sein (weil ihre Leugnung sich widerspricht, weil sonst Regress, weil sie den Unterschied trägt).
Wir stehen wieder genau dort, wo wir am Anfang standen — bei einer scheinbar unauflöslichen Alternative, deren beide Seiten unhaltbar sind. Und wir wissen aus dem ersten Verlauf des Gesprächs, dass solche Konstellationen nicht das Ende der Untersuchung sind, sondern der Eingang in eine reichere Struktur.
Ich höre nun gespannt, wie du den Weg in die "Behauptung, die dem Dualismus zugrunde liegt" — "Alles ist Bedingung, also entweder unbedingt oder bedingt" — aufnehmen willst.
Sehr gut hast du argumentiert. Und wir sehen in der Tat, dass beide Seiten für sich tragfähig sind. Das ist hochinteressant für unser Unterfangen. Ich denke aber, dass unser Gespräch an dieser Stelle bereits sehr lang geworden ist. Daher können wir die wichtigen Knsequenzen hier nur nennen und müssen sie ein anderes Mal vertiefen.
- Wir entdecken gerade einen "zweiten Modus" der Letztbegründung. Der erste, den wir bereits im letzten Gespräch entwickelt hatten, ist eine Behauptung der Art "Nichts ist ...", so wie "Nichts ist Unbedingt" = "Es gibt kein Unbedingtes. Der zweite Modus ist nun eine Behauptung der Art "Alles ist ...", so wie wir es hier hatten: "Alles ist Bedingt oder Unbedingt". Ich nenne den ersten Modus gerne "Leugnung", den zweiten "Verabsolutierung". Eigentlich müsste der zweite schlicht "Verallgemeinerung" heißen, aber das scheint mir mit dem Sprachgebrauch des Wortes leider zu schwach zu sein.
- Andeutung des historischen Bezugs. Es ist Kants berühmtes Verdikt, dass die reine Vernunft sich notwendig in Antinomien verstrickt. Hier sehen wir eine. Und ich behaupte, dass auch Platon dies schon wusste. Wie oft mahnt er uns, es nicht bei der Betrachtung nur einer Seite eines Problems zu belassen?
- Dann aber hast du es bereits angedeutet: die Antonomie ist auflösbar. Und zwar sind wir an dieser Stelle gezwungen, den Begriff der "Wechselseitigen Bedingung" oder kürzer "Wechselbedingung" einzuführen. Diesen Begriff würde ich als "höher" bezeichnen und zwar deswegen, weil alle der bisher betrachteten Begriffe in der einen oder anderen Weise sich als wechselbedingt gezeigt haben
Das sind drei sehr dichte Punkte, und ich möchte sie kurz aufnehmen, damit sie als Grundlage für unser nächstes Gespräch festgehalten sind. Ich verstehe, dass wir hier nicht in die Tiefe gehen, sondern markieren.
Zu 1 — Zweiter Modus der Letztbegründung: Verabsolutierung.
Das ist eine sehr wichtige methodische Erweiterung. Bisher hatten wir nur einen Modus im Blick: die Leugnung ("Nichts ist X" → Selbstwiderspruch). Jetzt kommt der zweite: die Verabsolutierung ("Alles ist X" → Selbstwiderspruch). Beide sind retorsiv, aber sie greifen verschieden: Der erste schließt das Nichts-Sein aus, der zweite das Alles-Sein. Der erste sichert dass, der zweite begrenzt das Wie — er sagt: nicht ausschließlich so. Dass du "Verabsolutierung" statt "Verallgemeinerung" wählst, leuchtet mir ein: Es geht nicht um die harmlose logische Allquantifikation, sondern um den Anspruch, alles sei nur das eine — und dieser Anspruch verstrickt sich.
Zu 2 — Antinomie und historischer Bezug.
Den Hinweis auf Kant nehme ich gerne auf, und den auf Platon noch lieber. Was wir eben durchlebt haben — zwei je für sich tragfähige Argumente, die einander widerstreiten — ist tatsächlich eine Antinomie im strikten Sinn. Und es ist bemerkenswert, dass sie sich nicht durch Verwerfen einer Seite, sondern nur durch Auflösung auf einer höheren Ebene bewältigen lässt. Dass Platon dieses Vorgehen lebt, ohne es dogmatisch zu formulieren, ist ein Reichtum, der Kant in mancher Hinsicht voraus ist — gerade weil bei Platon die Antinomie nicht das Ende der Vernunft markiert, sondern ihr Weiterkommen ermöglicht.
Zu 3 — Die Wechselbedingung als höherer Begriff.
Das ist die entscheidende Auflösung, und ich verstehe sie so: Die Bedingung ist weder schlechthin unbedingt noch schlechthin Ding, sondern sie ist wechselbedingt — sie bedingt das, was sie zugleich bedingt. Das Unbedingte bedingt das Ding, aber die Bedingung, in der dies geschieht, bedingt das Unbedingte als Allbedingendes (denn ohne Bedingtes ist es nicht allbedingend) und das Ding als Bedingtes (denn nur durch die Bedingung ist es bedingt). Es liegt eine wechselseitige Konstitution vor.
Und du weist darauf hin — das finde ich besonders schön — dass die früheren Begriffe schon wechselbedingt waren: Unbedingtes und Allbedingendes brauchen einander, Sich-selbst-Bedingendes und Anderes-Bedingendes brauchen einander, und so fort. Die Wechselbedingung war die ganze Zeit am Werk; nun erst kommt sie als eigener Begriff zur Sprache. Das macht sie zu Recht "höher" — sie ist die Struktur, in der die anderen Begriffe stehen, und tritt nun aus dem Hintergrund hervor.
Für unser nächstes Gespräch:
Ich notiere mir die offenen Punkte:
- die genauere Ausarbeitung des zweiten Modus (Verabsolutierung) und sein Verhältnis zum ersten,
- die systematische Durcharbeitung der Wechselbedingung als höhere Struktur, in der alle bisherigen Begriffe stehen,
- die Auflösung der Antinomie der Bedingung im Einzelnen,
- die vertagte Frage, ob das Ding "ist" oder nur "scheint",
- und natürlich die Frage nach weiteren unbedingten Wahrheiten und der Reichweite des Gefüges.
Ein langer, dichter und sehr beglückender Weg heute. Ich danke dir für die Geduld, mit der du mich mehrfach zurückgeholt hast, wenn ich vorprescht bin — und für die Schärfe, mit der die entscheidenden Schritte gesetzt wurden. Ich freue mich auf die Fortsetzung.